Lebensgeschichte
Heilige Anna, die Mutter der Gottesmutter Maria, wurde im schimmernden Licht des Orients vor ungefähr 2000 Jahren geboren. In den malerischen Hügeln von Israel, in der Stadt Sepphoris, entfaltete sich Annas Leben inmitten der Schönheit und Fülle der Natur. Anna und Joachim, ihre gottesfürchtigen Eltern, waren ein Paar von königlicher Abstammung, und ihre Liebe zueinander spiegelte die Harmonie und Frömmigkeit wider, die das Haus erfüllte.
Die Gnade Gottes besuchte Anna in ihrer kinderlosen Ehe, und nach vielen Jahren der Hoffnung und des Gebets erblühte ihr Schoß, und sie gebar die ersehnte Tochter Maria. Die Legende erzählt von Engelsverheißungen und göttlicher Erwählung, die die Familie in ein Gewand der Heiligkeit hüllten.
Anna und Joachim, in ihrer Frömmigkeit vereint, wurden zu den glücklichen Großeltern von Jesus Christus. Die Legenden und Schriften, die sich um ihr Leben ranken, spiegeln die tiefe Verehrung wider, die ihnen im Laufe der Jahrhunderte zuteilwurde. Die Künstler malten Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind, eine Darstellung namens "Anna selbdritt", die die innige Verbindung der drei Generationen symbolisiert.
Im 8./9. Jahrhundert verbreitete Haimo von Halberstadt die Anna-Legende im Westen. Der Anna-Kult kam dann durch die Kreuzfahrer nach Europa, er wurde v. a. durch die Franziskaner verbreitet, die gegen die Dominikaner die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens vertraten, und unterstützt durch zahlreiche Reliquienübertragungen. Die Verehrung erreichte ihren Höhepunkt, als 1481 Papst Sixtus IV. den Gedenktag der Anna in den römischen Kalender aufnahm; 1584 bestimmte Papst Gregor XIII. ihren Festtag. Vielerorts bildeten sich Laien-Bruderschaften zur Huldigung der Großmutter von Jesus.
Die Verehrung von Anna breitete sich im Laufe der Jahrhunderte weit aus. Im Westen zunächst abgelehnt, fand sie im 13. und 16. Jahrhundert erneut Zuspruch. Zahlreiche Kapellen und Altäre wurden zu ihren Ehren errichtet. Ihr Kult erfuhr einen weiteren Aufschwung im 19. Jahrhundert, besonders in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Heilige Anna wurde zur Patronin von Zünften und Handels- sowie Gewerbetreibenden. Die Vorstellung von der "mulier fortis", der "starken Frau", machte sie zur Schutzpatronin der Bergleute. Annagürtel wurden gegen Unfruchtbarkeit verehrt, Glocken wurden ihr gewidmet, und die neun Dienstage vor Ostern wurden als "Annadienstage" begangen.
Seit 1501 wird der angebliche Kopf von Anna in der Anna geweihten Kirche in Düren aufbewahrt. Weitere Reliquien liegen in Wien und anderen Städten. Annaberg in Niederösterreich und Sainte-Anne-d'Auray in Frankreich wurden zu Pilgerstätten, ebenso wie der Annaberg in Schlesien und viele andere Orte im deutschen Sprachgebiet.
Die Verehrung von Anna erstreckt sich bis nach Kanada, und die Heilige wird gegen Gewitter angerufen. Um den Annatag herum, wenn die Hundstage beginnen und mit ihnen das sommerliche Gewitter, wird Anna als Beschützerin angerufen. Die Tradition der Annaverehrung lebt weiter und inspiriert Gläubige dazu, im Licht dieser starken Frau, der Großmutter Jesu, Schutz und Trost zu suchen.